Die meisten Schafe sterben während der Sömmerung wegen Wölfen

In den Kommentaren von Wolfsbefürwortern liest man des öfteren das folgende Sätzlein: „Die meisten Schafe sterben auf der Alp wegen Krankheiten, nicht wegen Wölfen“. Das ist falsch.

Woher kommt das Sätzlein?

Die Aussage hat sich die Wolfslobby aus den Ergebnissen einer alten Studie zusammengebastelt. Die Studie wurde im Jahr 2011 im Auftrag von Agridea, Pro Natura, WWF Schweiz und dem Schweizerischen Schafzuchtverband durchgeführt.
Die Forscher untersuchten, welches die Hauptursachen für Schafsverluste während der Sömmerung waren. Anhand der ermittelten Resultate formulierten sie Empfehlungen zur Reduktion der Verluste. Bei der Studie wurden 277 von schweizweit 920 Alpen im Jahr 2011 berücksichtigt.

Die zentralen Resultate und die darauf basierende Empfehlung waren:

  1. Von total 90’878 gesömmerten Schafen auf den untersuchten Alpen starben 1’769 Tiere.
  2. Von den 1’769 toten Schafen wurden 124 offiziell als Rissopfer deklariert.
  3. Die primäre Todesursache der nicht durch Risse getöteten Schafe war laut den Autoren deren Gesundheitszustand zu Beginn der Sömmerung; sie wurden bereits in schlechtem Zustand auf die Alpen gebracht.
  4. Auf denjenigen Alpen, wo Wölfe anwesend waren, dominierten die Risse die übrigen Todesursachen.
  5. Die Anwesenheit von Hirten führte nicht zu einer Verringerung der krankheitsbedingten Verluste.
  6. Die Studie kam zur Empfehlung, dass künftig nur noch gesunde und fitte Schafe auf die Alp gebracht werden sollten. Mit dieser Massnahme würden die Verluste laut Studie dann unter ein Prozent sinken.

Für das Sätzlein findet man in der Studie also keine Grundlage, im Gegenteil. Die Wolfslobby stellt stattdessen fälschlicherweise die 1’645 krankheitsbedingten Verluste direkt in Relation mit den 124 Rissopfern. Das ist jedoch statistisch nicht korrekt (siehe die Fussnote weiter unten), da als Voraussetzung für einen Riss Wölfe auf der Alp anwesend sein müssen, was nur auf wenigen der 277 Alpen der Fall war. Damals gab es offiziell gerade einmal zehn Wölfe in der Schweiz, die aus „personellen“ Gründen nur ein paar wenige Alpen heimsuchen konnten. Doch dort, wo die Räuber auftauchten, verursachten sie den grössten Teil der Verluste (was die Studie sogar expliziert, siehe Punkt 4 oben). Das galt damals wie heute.

Die meisten Schafe sterben auf der Alp durch Wolfsangriffe

Heutzutage werden nur noch fitte und gesunde Schafe zur Sömmerung gebracht, so wie es die Studie 2011 empfohlen hatte. Beispielsweise werden in Graubünden nur moderhinkefreie Schafe zur Alpung zugelassen. Viele Bergkantone haben zudem Vorschriften erlassen, dass nur Tiere auf die Alp dürfen, die gesund und frei von ansteckenden Krankheiten sind. Laut Studie würden demnach nur noch weniger als ein Prozent der Tiere wegen Krankheit oder Schwäche verlorengehen (siehe Punkt 6 oben).

Um die Verlustanteile zu bestätigen, machen wir folgendes Rechenbeispiel. Wir berechnen für das Jahr 2021, wie gross die Verlustanteile wegen Wolfsangriffen oder Krankheiten während der Alpzeit waren. Und wir zeigen auf, dass spätestens mit der Anzahl Wölfe und Risse in 2021 allen unmittelbar klar sein sollte, warum das Argument der Wolfslobby nicht funktioniert.

a) Im Jahr 2021 starben offiziell 867 Schafe durch Wolfsangriffe. Dazu kommen weitere Verluste durch vermisste Tiere. Nach einem Wolfsangriff beträgt die Anzahl vermisster Tiere je nach Terrain-Eigenschaften zwischen 40 und 67% der aufgefundenen Rissopfer [1,2]. Zu den 867 offiziell erfassten Rissen kommen also noch mindestens 477 Vermisste dazu, was 1344 Verlusten wegen Wölfen entspricht. Sehr wahrscheinlich ist die tatsächliche Anzahl noch wesentlich grösser, denn es werden bei den offiziellen Opferzahlen nicht nur die vermissten Schafe weggelassen, sondern auch solche, denen die Ohrenmarke fehlt, oder die auf der Flucht abgestürzt oder von anderen Tieren fertiggefressen wurden, oder die von den Tierhaltern schon gar nicht mehr gemeldet wurden (siehe hier).

b) Aufgrund der vorliegenden Zahlen vom Alpgebiet Aletschij (VS) können wir annehmen, dass der Anteil der Tiere, die wegen Krankheit oder Schwäche verloren gehen, bei ca. 0.6% liegt. Von den 1000 Schafen, die 2011 auf Aletschij gesömmert wurden, gingen 6 aus genannten Gründen verloren (auf Aletschij gab es 2011 keine Wölfe).

c) Gemäss KORA waren im Zeitraum 2004 bis 2019 schweizweit 68% der Sömmerungsgebiete noch nie von Rissen bzw. Wolfsangriffen betroffen, und „nur“ 32% hatten ein- oder mehrmals Verluste aufgrund von Raubtierangriffen zu verzeichnen [3]. Im Jahr 2021 wurden insgesamt rund 187’000 Schafe gealpt. Unter der Annahme, dass 2021 maximal 32% der Alpen von Angriffen und somit 32% der gealpten Schafe davon betroffen waren, ergibt das maximal 60’000 Tiere, die Wolfsangriffen ausgesetzt waren. Der Anteil der krankheitsbedingten Verluste (0.6%) beträgt in diesen Herden somit 360 Tiere.

d) Vergleicht man die beiden Verlustanteile – 1344 durch Wölfe (siehe a) und 360 durch Krankheit oder Schwäche (siehe c) – wird klar: Wölfe verursachten 2021 fast viermal mehr Verluste, als andere Todesursachen auf den betroffenen Alpen.

e) Die Wolfslobby macht nun also den Fehler, dass sie die krankheitsbedingten Verluste der Alpen, wo keine Wölfe anwesend waren, mitzählt. Für das Studienjahr 2011 ergab das noch eine Zahl, die scheinbar zu ihren Gunsten sprach. Aber wenn wir diesen Trick auf die Zahlen von 2021 in unserem obigen Rechenbeispiel anwenden, erhalten wir 1’122 (bzw. 0.6% von 187’000 Schafen) Todesfälle wegen Krankheit oder Schwäche gegenüber 1’344 (bzw. 2.2% von 60’000 Tieren) Todesfällen durch Wolfsrisse. Daraus folgt:

Heutzutage sterben während der Alpung schweizweit die meisten Schafe wegen Wolfsangriffen, nicht wegen Krankheiten oder anderen Ursachen. Und das trotz gigantischem Herdenschutzaufwand.

Fussnote

Die Wölfe kann man mit einer virusbedingten Krankheit vergleichen, die sich ausbreitet. Damit die Krankheit ausbrechen kann, muss das Virus überhaupt erst anwesend sein. Zu Beginn ist lokal ein Gebiet betroffen, wie beispielsweise beim Coronavirus die Stadt Wuhan. Und weil es nur lokal Tote gab, die im Vergleich zu den Todesfällen wegen anderer Krankheiten in ganz China als wenig erschienen, wurde das Problem lange Zeit unterschätzt (bzw. unter dem Teppich gehalten). Wie es heute (hoffentlich) jedem einleuchtet, war das ein verhängnisvoller Fehler. Mit den Wölfen läuft es analog. Die Wolfsbefürworter stellen die Risse einiger weniger Alpen aus der Anfangszeit der Wolfsausbreitung direkt den krankheistbedingten Verlusten aller gealpten Schafe gegenüber. Ein einfacher Trick, um die Risszahlen klein und vernachlässigbar aussehen zu lassen. Aber lokal, dort wo die Wölfe waren, verursachten sie die meisten Verluste in den Herden, so wie das Virus nach kurzer Zeit alle anderen Krankheiten in Wuhan dominierte.

Referenzen

[1] Bacha, S., Bataille, J.-F., and Garde, L. (2007), Indemnisation des pertes et evaluation des couts reels. In: ‘Loup – Elevage: s’ouvrir a` la complexite ́’. Actes du seminaire des 15 et 16 juin 2006. (Ed. L. Garde.) pp. 150–161.

[2] Seim V., (2001), Elevage ovin et grands carnivores en Norvège, Rencontre européenne des éleveurs victimes des prédateurs, Nice, 8 septembre 2001, p. 21-25.

[3] Vogt, K., et al., (2022), Wirksamkeit von Herdenschutzmassnahmen und Wolfsabschüssen unter Berücksichtigung räumlicher und biologischer Faktoren, KORA Bericht Nr. 105.

4 Comments

  1. Christoph said:

    Die Wolfslobby lügt und betrügt ständig mit verfälschten Zahlen, sie können das auch gut.
    Der Wolfsschaden wird kleingeschrumpft, der Schutzaufwand „vergessen“ und am Ende wird ein Kunstprodukt Wolf verkauft, als Hündchen, das manchmal unartig ist.

    Mit dem realen Geschehen auf der Alp, hat das verkaufte „Produkt Wolf“ kaum etwas zu tun. Hauptzutat PR + ein paar nette Wolfsbilder = „Natur pur“

    5. September 2022
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  2. Iris said:

    1. Es ist vor dem Auftrieb oft nicht möglich, Schafe, die symptomlose Träger einer Krankheit sind, von gesunden Tieren zu unterscheiden. Beispiel: Lungenadenomatose, Stoffwechselstörungen um die Geburtszeit herum, „schlafende“ Euterprobleme in der Trockenzeit.
    2. Gamsblindheit: nicht nur Schafe sind ein mögliches Reservoir, sondern auch Wildtiere.
    3. Verwurmung: wird gerade durch die Nachtpferche massiv gefördert (wie jede latent vorhandene infektiöse Krankheit). Für Lämmer kann eine hochgradige Verwurmung innert wenigen Wochen tödlich sein, selbst bei äusserlich noch gutem Futterzustand.
    4. latente Gesundheitsprobleme können im Klimastress der Alpung manifest werden. Umgekehrt sind Tiere, die im Herbst nach Hause kommen, auf lange Zeit deutlich gesünder und widerstandsfähiger als nicht gealpte Tiere.
    5. Die Studie hätte mit einer Studie in Relation gesetzt werden müssen, die die krankheitsbedingten Abgänge bei nicht gealpten Tieren untersucht.
    6. „Absturz“ oder „nicht mehr aufgefunden“ als Todesursache wird nicht mit der Anwesenheit von Grossraubtieren in der Gegend in Relation gesetzt.

    8. September 2022
    Reply
    • anna said:

      Vielen Dank für Ihren konstruktiven Kommentar. Zu Ihrem Punkt 6.: Die Anzahl der Vermissten nach einem Wolfsangriff wurde wissenschaftlich untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass nach einem Angriff je nach Terrain-Eigenschaften die Anzahl Vermisster zwischen 40% bis 67% der aufgefundenen Rissopfer betrug.

      10. September 2022
      Reply
  3. Jürgen Schneider said:

    Der Wolf gehört nicht in unsere Kultur Landschaft und muss daher auch radikal dezimiert werden, wenn möglich gegen Null.

    10. September 2022
    Reply

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